Kapitel 13 - Feiertagsbesuch

„MAAAAAMAAAA!“

Petunias Stimme ließ Lily hochfahren und hallte in ihren Ohren wider. Orientierungslos schaute sie sich in ihrem Zimmer um, sie erkannte es in diesem merkwürdigen orangen Licht kaum.

Türen wurden aufgerissen und Lily hörte schnelle Schritte. Stimmen neben an: die ihrer Mutter in einem beruhigenden Ton, die ihrer Schwester schrill und sich fast überschlagend.

Langsam kam Lily zu sich. Ihr Fenster war mit etwas braunem beschmiert, das das Licht dämpfte. Sie schwang die Beine aus dem Bett und lief ohne Hausschuhe in Petunias Zimmer. In der Tür blieb sie jedoch wie angewurzelt stehen. Dicker, schleimiger Matsch bedeckte fast den ganzen Boden des Raumes. Ihre Mutter störte sich nicht daran, sie kniete im Dreck vor Petunias Bett und umarmte ihre ältere Tochter, die von Schluchzern geschüttelt wurde.

„Es ist an der ganzen Wand“, stellte ihr Vater fest, der am offenen Fenster stand. Eine dunkle Ahnung stieg in Lily auf. Sie hatte es erst vor wenigen Tagen in Severus' Zeitungsausschnitten gelesen.

 

Übergriffe auf Muggelstämmige nehmen zu.

 

Lily rannte die Treppe hinunter in den Vorgarten. Die riesigen Buchstaben zogen sich in zwei Zeilen über die ganze Fassade.

Schlamblut
bleib hier

 

Lily zitterte, doch nicht vor Kälte, obwohl sie mit nackten Füßen im frischen Schnee stand. Es war Angst, Angst und etwas Wut, nicht viel, doch ausreichend, um nicht zu weinen. Mr. Evans kam aus dem Haus. Er sagte nichts, hob Lily nur hoch und wickelte ihre Füße in seine Jacke. Einen Augenblick blieb er mit Lily auf dem Arm stehen und betrachtete die Schrift.

„Sie haben Schlamm falsch geschrieben, aber richtig geschrieben wäre unser Haus zu klein gewesen. War das also jetzt Absicht? Was glaubst du? Wie halten es Idioten mit der Rechtschreibung?“ Lily musste über die Worte ihres Vaters schmunzeln, doch ihr Herz klopfte noch immer wie wild.

„Geht da weg, sonst bekommt ihr eine Matschpackung!“, rief Mrs. Evans mit fröhlicher Stimme aus Petunias Fenster herunter. Mr. Evans trug Lily zurück ins Haus. Als sie die Haustür erreichten, landete die erste Schippe Matsch auf dem weißen Schnee.

 

„Der Teppichboden ist ruiniert, egal wie oft wir den schrubben er wird nie wieder sauber und die Bettdecke ist auch ganz dreckig. Es ist meine Lieblingsbettdecke!“, jammerte Petunia beim Mittagessen. Mrs. Evans hatte einen Käseauflauf gemacht, das Lieblingsessen der Familie, um von den Ereignissen des Vormittags abzulenken. Doch das gelang nur sehr schwer, da die Buchstaben aus Matsch noch immer an der Fassade klebten. Mr. Evans hatte versucht, sie mit dem Gartenschlauch abzuspritzen, doch das hatte nicht geklappt, auch das Scheuern mit Bürsten zeigte keinen Erfolg.

„Das mit dem Teppichboden ist kein Problem, mein Schatz. Wir haben eh schon überlegt, dass du zu groß für die alten Kindermöbel bist und wollten dein Zimmer im Sommer renovieren, jetzt ziehen wir es eben spontan vor“, erklärte Mrs. Evans lächelnd.

„Kennen Zauberer eigentlich keinen Matsch?“, fragte Mr. Evans Lily schelmisch, als er wieder in die Küche kam. „Ich habe eben im Zaubereiministerium angerufen, sie schicken eine Truppe Vergissmichs um die Schrift zu beseitigen und einen Mr. Weasley von der Abteilung gegen den Missbrauch von Muggelartefakten. Matsch als Muggelartefakt zu bezeichnen wertet ihn doch etwas zu sehr auf, oder? Es sei denn natürlich, Zauberer kennen keinen Matsch. Haben die wasserfeste Erde?“ Mr. Evans sprach in einem Ton, als würde er die Vorstellung einer matschlosen Welt ernsthaft überdenken und sein breites Grinsen dabei munterte Lily tatsächlich kurz auf. Dabei hatte sie eigentlich ein schlechtes Gewissen. Es war kurz vor Weihnachten und Lily hatte so gehofft, dass es dieses Jahr besser, irgendwie gewöhnter werden würde, und dann kam so etwas. Vor allem Petunia tat ihr leid, die Matschattacke hatte nicht ihr gegolten, sie hatte nur Pech, weil sie bei offenem Fenster schlief. Lily hatte den ganzen Vormittag damit verbracht, Petunias Teppich zu schrubben, doch das zeigte kaum eine Wirkung, weder auf den Teppich noch auf Petunia.

„Ihr findet das alles auch noch lustig!? Ich glaube es nicht! Das ist doch alles so schrecklich und an allem ist nur diese Missgeburt schuld!“, schrie Petunia und sprang vom Tisch auf.

„Petunia!“, rügte sie Mrs. Evans.

„Was denn? Willst du wirklich sagen, das wäre normal? Wie viele Häuser in der Straße sind noch mit Schlamm beschmiert? Und zu erzählen, dass es ein dummer Scherz wäre, weil Mum aus Irland käme, ist auch eine ganz alltägliche Lüge, was? Wobei, ja, es ist eine alltägliche Lüge, aber nur, weil wir nur noch lügen, seitdem sie auf diese Schule geht! Ich gehe in euer Schlafzimmer fernsehen, in meines kann ich ja nicht.“ Wütend zog Petunia ab und Lily fühlte sich schlechter als vorher.

„Ich rede mit ihr“, erklärte Mrs. Evans und stand ebenfalls auf. „Es ist nicht deine Schuld, Schatz. Das kann auch Familien passieren, die keine Hexen haben, und die können dann keine Vergissmichs zur Hilfe rufen“, versuchte Mrs. Evans Lily zu trösten, als sie an ihr vorbeiging, um Petunia zu folgen.

 

„Haben Sie das ... Hallo! Sie! Ich rede mit ihnen. Ich bin Mr. Weasley von der Abteilung gegen den Missbrauch von Muggelartefakten, Sie müssen mit mir reden. Bleiben sie zumindest stehen!“

Lily hatte das Fenster im Wohnzimmer leicht geöffnet, um zu hören, was die Männer im Vorgarten machten. Als erstes hatten sie Schutzschilde aufgebaut, damit die Muggel sie nicht sahen, und dann hatten sie einen merkwürdigen Zauber durchgeführt, der wohl dazu führen sollte, dass die Menschen, die die Schmiererei bereits gesehen hatten, sich nicht mehr daran erinnern konnten, an welchem Haus das war. Dann war der Rothaarige gekommen, ein großer, schlaksiger, junger Mann mit buschigem, rotem Haar und einer dicken Hornbrille auf der Nase. Er schien sich sehr zu bemühen, autoritär zu sein, doch die Vergissmichs nahmen ihn nicht gerade ernst. Jetzt hatte er endlich einen dazu gebracht, überhaupt einmal mit ihm zu reden.

„Haben Sie das M aus Schlamm bereits entfernt, oder war das schon so? Ich hatte Ihnen übermitteln lassen, dass Sie nichts anfassen dürfen, bevor ich hier bin!“ Hinter dem rothaarigen hob ein anderer Vergissmich den Zauberstab und es gab einen hellen Blitz.

„NEIN!“, rief der Rothaarige erschrocken. „Machen Sie das wieder rückgängig, ich muss das noch abbilden!“ Er hob eine riesige Kamera, die er um den Hals gehängt hatte, hoch, doch der Vergissmich zuckte nur mit den Schultern und ging. Auch der Rothaarige verschwand aus Lilys Blickfeld, doch dann hörte sie die Tür aufgehen und die Stimme des Mannes im Flur.

„Arrogantes Pack, halten sich für etwas besseres. Sie denken nur daran, Schäden zu beseitigen, solche Vorfälle zu verhindern ist ihnen egal.“

„Kann ich ihnen einen Kaffee bringen, Mr. Weasley?“, fragte Mrs. Evans. Die Tür zum Wohnzimmer wurde geöffnet und Lilys Vater führte den rothaarigen Mr. Weasley herein.

„Oh, du bist sicher die kleine Hexe“, stellte Mr. Weasley lächelnd fest und trat mit ausgestreckter Hand und breit lächelnd auf Lily zu. Lily sprang von der Fensterbank und reichte Mr. Weasley mit geradem Rücken artig die Hand.

„Mein Name ist Lily“, stellte sie sich höflich vor und konnte nicht unterdrücken, leicht zu knicksen.

„Ich bin Arthur, ich werde die Leute finden, die das gemacht haben, du brauchst also keine Angst zu haben. Was ist den dein Lieblingsfach in Hogwarts?“

„Zaubertränke“, antwortete Lily eifrig.

„Immer noch beim Moppelchen Slughorn?“, fragte Mr. Weasley und schmunzelte verstohlen. Lily nickte und musste auch lächeln.

„Schenk ihm kandierte Ananas, dann bekommst du nur noch Os“, flüsterte er mit vorgehaltener Hand und einem schelmischen Zwinkern.

„Also, wie war das mit dem M?“, wandte sich Mr. Weasley wieder an Lilys Vater. „War da nur eines oder zwei? Ich weiß, es klingt banal, aber oft führen die unwichtigsten Hinweise zu einer Verhaftung. Neulich habe ich eine alte Dame vermahnen können, weil mir aufgefallen ist, dass an ihrem Silberbesteck die ganz kleinen Löffelchen fehlten, wissen sie? Die für die ganz kleinen Tassen. Solche sind nämlich kurz zuvor bei einem Muggel aufgetaucht und haben den Kaffee immer süß gemacht, auch wenn man keinen Zucker reingetan hat.“ Mr. Evans erklärte Mr. Weasley, dass das Wort falschgeschrieben war und dann auch, dass man den Matsch aus Petunias Zimmer durchaus entfernen konnte, nur der von der Fassade nicht weg ging. Als Mrs. Evans den Kaffee hereinbrachte erklang aus dem ersten Stock Petunias schrille Stimme.

„NEIN! Sie kommen hier nicht rein!“

Mr. Evans und Mr. Weasley liefen die Treppe herauf, Lily traute ich nicht, ihnen zu folgen, sie blieb an dem Geländerpfosten im Erdgeschoss stehen und umarmte das runde Holz.

„Das ist mein Zimmer, sie sollen da weggehen!“

„Petunia, Liebling, sie wollen doch nur den Teppich wieder sauber machen, das wolltest du doch.“

„Nicht auf diese Art! Ihr habt mir versprochen, dass wir mein ganzes Zimmer renovieren, da brauche ich kein Rumgefuchtel mit diesen komischen Stäben! Wer weiß, was danach mit meinem Teppich passiert, vielleicht wachsen da Tentakel raus oder sowas.“

Lily standen Tränen in den Augen, sie schlüpfte in die Schuhe, schnappte sich ihre Jacke und lief aus dem Haus. Sie konnte das nicht mehr hören, in zwei Tagen war Heiligabend und sie wünschte sich nichts mehr, als weg zu sein.

 

* * *

 

Severus hasste es, Briefe von seinem Großvater zu bekommen. Sie spiegelten all das wider, was Severus an ihm verabscheute. Ohne Anrede, ohne Unterschrift, kurz, im Befehlston. Er hexte die Worte aufs Papier, selbst für eine Feder war er sich zu fein, oder vielleicht war ihm sein Enkel die Mühe nur nicht wert.

 

Du wirst über die Weihnachtsferien heimkommen.

 

Gedankenverloren fuhr er sich über den Schorf an der linken Hand. Als er den Brief bei seiner Ankunft hatte zerknüllen wollen, hatte ihn der Uhu seines Großvaters gebissen. Dieser Mann war so gemein, dass die Gemeinheit aus ihm überquoll und sich auf alles ergoss, was ihn umgab. Auf die Eulen, die Hauselfen, selbst die Hunde. Severus hatte Hunde früher gemocht, doch seitdem er jeden Augenblick im Haus seines Großvaters darauf achten musste, nicht von einem der drei Windhunde angefallen zu werden, mochte er Tiere allgemein nicht mehr. Sie waren dumme Kreaturen, die treu doch blind der Gesinnung ihrer Herren folgten. Ein bitteres Lächeln huschte über seine Lippen: Die Hunde waren eigentlich ein gutes Vorbild: gehorsam, unterwürfig doch nicht wehrlos, zumindest nicht ganz und wer weiß, vielleicht war auch in ihnen noch ein Funken Stolz und Verstand, der nur darauf wartete, im richtigen Moment in die Hand ihres Herren zu beißen. Als er seine Sachen gepackt hatte und in den Zug gestiegen war, um nach Hause zu fahren, war sich Severus nicht sicher gewesen, ob er diesen Funken noch hatte.

„Fettiger ging's nicht, oder?“ Severus zuckte zusammen. Alice war in sein Zimmer gehuscht, ohne dass er es bemerkt hatte. Mit einem kleinen Rucken des Kopfes ließ er sich mehrere Haarsträhnen ins Gesicht fallen, bevor er antwortete: „Ich bin hier, ich habe diesen dämlichen Umhang an und ich werde gleich auf eine langweilige Weihnachtsfeier von arroganten Zauberern gehen reicht das nicht?“

„Duschen ist aber ab und zu auch nett.“ Auf Alice' Gesicht erschien etwas herausforderndes.

„Du wirst es nicht glauben, Kröte, ich habe geduscht, aber ich sehe nicht ein, wieso ich das auch noch zur Schau tragen sollte.“

Alice prustete los.

„Du solltest nicht hier sein“, kommentierte Severus trocken und drehte sich wieder zum Fenster um, vor dem winzige Schneeflocken tanzten.

„Ich bin ein kleines neugieriges Mädchen, es ist immer wahrscheinlich, dass ich da bin, egal wo ich bin. Außerdem habe ich für den Fall der Fälle sogar einen Beweis für deine Gemeinheit.“ Alice schob den Ärmel ihres rosa Umhanges hoch und präsentierte einen großen blau-violetten Bluterguss.

„Ist der echt?“, fragte Severus vorsichtig. Alice' breites Lächeln beantwortete die Frage vor ihren Worten.

„Natürlich nicht. Würde wahrscheinlich horrend weh tun. Das ist die Blaue-Flecken-Farbe, die ich von Kingsley habe. Deine Freunde haben echt tolle Sachen drauf.“

„Es sind nicht meine Freunde“, erwiderte Severus und bemerkte zu spät, dass Alice ihn nachäffte.

„Du solltest auch runter zu den Gästen deines Großvaters gehen, wenn du schon da bist, sonst war es sinnfrei, her zu kommen.“

 

Alisya war nicht gekommen. Severus war sich nicht sicher, ob sie keinen Befehlsbrief bekommen hatte, oder ob sie sich geweigert hatte. Aber eigentlich war es egal, an ihrer Stelle wäre Severus auch nicht gekommen. Sie hatte eine gute Arbeit, eine eigene Wohnung und sie war eine voll ausgebildete, hervorragende Hexe, sie war frei. Severus schmunzelte, er hätte nie gedacht, dass er je so positiv von seiner Schwester denken würde.

„Was grinst du so, Schniefelus. Hast du eine Schabe zum Frühstück entdeckt?“

Drei Zauber schossen Severus in den Kopf, die er Sirius in diesem Moment an den Hals gehext hätte. Doch es waren dummerweise Ferien. Er kochte innerlich, die Ruhe, mit der er Potters Sprüchen in der Schule begegnet war, erschien ihm wie graue Theorie. Severus' Hand glitt in die Umhangtasche und seine Finger tasteten die kleinen Dinge durch, bis er eine kleine, weiche Blase fand.

„Nein, Black“, antwortete er so ruhig wie möglich, „wir hier sind keine solchen Gourmets wie du, wir haben nur Lamm. Aber wenn du heute Abend hungrig heimkommen solltes, bin ich mir sicher, dass dir deine Mutter noch eine Portion Schaben machen wird.“

Während er redete, trat er langsam näher und ließ die Blase über Sirius' Umhang zerplatzen. Sirius holte theatralisch Luft, um zu einer Erwiderung anzusetzen, da bemerkte er den Qualm.

Severus drehte sich um und schlenderte davon, während Sirius zum Getränketisch rannte um seinen schwelenden Umhang mit einem Glas Wasser zu löschen.

„Vorsicht!“, rief jemand und etwas in der Stimme ließ Severus einen Schritt zur Seite treten. Neben ihm zerbarst eine Kristallschale mit Punsch.

Die eben noch pulsierende Wut in Severus war verschwunden, als er, ohne sich zu bewegen, die Szene vor sich beobachtete.

Eine Hauselfe war aus dem Nichts aufgetaucht und die Schale flog vom Boden in ihre dürren Ärmchen, als hätte jemand die Welt zurückgespult. Mit der heilen und gefüllten Schale auf dem Kopf verschwand die Elfe wieder. Die stämmige Mrs. Black stampfte in einem silbernen Kleid heran und ergiff Sirius am Arm, um ihn wegzuzerren, während Sirius einem Jungen, der ihm sehr ähnlich sah, wütend: „Du mieser Kriecher!“, zurief. Sekunden später war Sirius verschwunden, Mrs. Black unterhielt sich wieder mit einer alten Frau und alle anderen Gäste taten so, als wäre nichts geschehen. Nur der Junge, der Severus gewarnt hatte, stand noch immer mitten im Raum und starrte ins Nichts.

„Danke“, sagte Severus und trat zu ihm, graue Augen funkelten ihn böse an.

„Es ging nicht um dich!“, zischte der Junge und stampfte davon.

„Spannend“, flüsterte Alice, „nur schade, dass die Elfe Sirius gedeckt hat. Ich hätte gerne gesehen, was Potter ohne seinen Schoßhund machen würde.“

Severus konnte nicht leugnen, dass Sirius' Rauswurf aus Hogwarts eine interessante Vorstellung war, doch eigentlich fand er das Verhalten des anderen Jungen interessanter.

 

* * *

 

„Mum, du hättest doch echt nicht mitkommen müssen.“ James versuchte seinen Unmut hinter Sorge zu verbergen. Seit einigen Wochen ging es seiner Mutter nicht besonders gut. Doch die Heiler meinten, es wäre nichts ernstes und so nutzte James ihre Krankheit, um möglichst viel allein unternehmen zu können.

Und nach den Ferien hatte er auch mit dem Hogwartsexpress fahren wollen, um offener mit Remus und Sirius reden zu können. Doch als sein Vater vorgeschlagen hatte, sie mit dem Muggelwagen auf Muggelstraßen nach Hogwarts zu bringen, konnte er nicht nein sagen.

Leider war seine Mutter auch mitgekommen und jetzt überlegte James, ob die Fahrt es wert gewesen war, dass sie ihn auf dem Vorplatz der Schule vor all den ankommenden Schülern betüddelte. Sie schob ihm gerade den rot-goldenen Schal, den er zu Weihnachten bekommen hatte, zurecht, als James einen allgemeinen Aufruhr nutzte, um sich aus ihren Händen zu winden. Eine lange, schwarze Kutsche landete von zwei schwarzen, geflügelten Pferden gezogen auf dem Zufahrtsweg und ließ den Kies hochspritzen. Ein Kobold saß auf dem Kutschbock und bremste die Pferde scharf ab, als die Kutsche auf den Vorplatz rollte. Auf der Tür war ein silbernes Wappen: ein blätterloser Baum, dessen lange Wurzeln sich um einen Stein in der Form der britischen Insel schlossen.

Der Kobold sprang von der Kutsche und öffnete die Tür mit einer tiefen Verbeugung. James beobachtete erstaunt wie Regulus, Sirius kleiner Bruder ausstieg und einem staunenden Erstklässler einen finsteren Blick zuwarf. Ihm folgte ein lachender Lucius Malfoy der ein kleines schwarzhaariges Mädchen aus der Kutsche hob und dann seiner blonden Freundin die Hand reichte, um auch ihr über die schmalen Kutschenstufen zu helfen.

„Die Kutsche hat sich Mephistopheles zu seiner Wahl zum Obersten Senator gegönnt“, informierte Mrs. Potter ihren Mann, während sie sich bei ihm einhakte.

„Und dass sie hier ist, ist wohl die Belohnung für den Sieg in den Sudeten. Lucius hat die Russen auf den letzten Besenlängen abgehängt, als keiner mehr an einen Hogwartssieg geglaubt hatte.“ James achtete kaum auf die Unterhaltung seiner Eltern, er beobachtete Lucius, der dem schwarzhaarigen Mädchen das Haar zerzauste und sich mit einem Handkuß von seiner Freundin verabschiedete, um genau auf die Potters zuzukommen.

„Hallo, James! Einen wunderschönen guten Morgen, Mr. Potter.“ Lucius schlug die Hacken leicht aneinander und verbeugte sich förmlich, dann zog er seinen Umhang mit der rechten Hand nach hinten und streckte Mrs. Potter die linke mit der Handfläche nach oben entgegen. Mrs. Potter lächelte geschmeichelt und legte ihre Finger in seine Hand die er leicht umschloss und sich herunterbeugte, um ihre Knöchel kurz mit der Stirn zu berühren.

„Es ist immer wieder eine Freude, junge Männer kennenzulernen die noch so gute Manieren haben“, lobte Mrs. Potter herzlich. Lucius nickte zurückhaltend, doch zustimmend.

„Trotz aller Offenheit sollten Zauberer ihre eigenen Sitten und Manieren pflegen, sonst geht das, was uns ausmacht, unwiederbringlich verloren“, erklärte er und verbeugte sich erneut. Dann wandte er sich wieder an Mr. Potter.

„Ist das der MK2-Jaguar, Mr. Potter?“ Alamdus Potter trat zur Seite um Lucius einen besseren Blick auf den Wagen zu geben.

„Du kennst dich gut aus, der letzte mit der vollständigen magischen Anpassung. An dem Tag als ich ihn aus der Werkstatt holte wurde das Gesetz gegen die Manipulation von Muggelartefakten eingeführt.“

„Ein wundervolles Exemplar, Sir. James ist sicher ganz wild darauf, ihn mal zu fahren.“ Lucius lächelte bei den letzten Worten schelmisch.

„Sicher!“, lachte Mr. Potter und zerzauste James die ohnehin schon unordentlichen Haare. „Aber bis dahin wird er sich noch eine ganz schöne Weile gedulden müssen.“

Lucius lächelte James an und zog die Schulter hoch. „Tut mir leid James, ich habe mein Möglichstes getan.“ Dann verbeugte er sich erneut vor James' Eltern und verabschiedete sich mit den Worten: „Es hat mich sehr gefreut, Sie persönlich kennenzulernen. Ich wünsche Ihnen eine gute Heimfahrt.“ Inzwischen hatte der Kobold die Koffer aus der Kutsche ausgeladen und zu den beiden Mädchen waren Lucius' übliche Freunde hinzugetreten. Er begrüßte sie mit Handschlag und schickte Rodolphus und einen zweiten bulligen Jungen los, die Koffer ins Schloss zu bringen, während die Kutsche für ihre Größe erstaunlich eng wendete und abhob.

„Ein sehr netter Junge“, stellte Mr. Potter fest und lud die Koffer aus. „Genauso wie James ihn beschrieben hat.“

„Ja. Es ist unvorstellbar, wie diese Nescire glauben konnten, dass er es gewesen war.“ James horchte auf und drehte sich zu seinem Vater um.

„Was war denn mit den Nescires, Dad?“ Alamdus Potter schüttelte den Kopf.

„Nichts von Belang, James. Es gab einen Vorfall drüben in den Highlands, ein paar Muggelhäuser wurden demoliert und beim Haus der Nescire-Familie gab es ein Feuer. Das Wirtschaftsgebäude ist abgebrannt und die Katzen der Familie waren wohl drin. Die alte Tabuga Nescire hat behauptet, man wolle sie erpressen. Sie solle irgend so einem Voldetot oder Voldemort oder so, die Zukunft voraussagen und deswegen habe Lucius ihre Katzen getötet. Alles Humbug. Der Schuppen hatte einen Tag nach Lucius' Sieg in den Sudeten gebrannt, welcher junge Mann würde am Tag nach seinem großen Sieg nach Schottland reisen um eine alte Frau zu erschrecken, wenn er mit seinem Team und halb England feiern kann?“

„Außerdem passt so etwas nicht zu einem Malfoy. Die Nescires machen seit Jahrhunderten nur Ärger, diese angebliche Wahrsagerei und ihre Kontakte nach Afrika. Die Muggel in ihrem Dorf halten sie für Hexen. Wenn man sich nicht unauffällig benehmen kann, muss man damit rechnen, dass etwas brennt“, ergänzte Mrs. Potter, wurde sich jedoch plötzlich bewusst, dass sie mit ihrem zwölfjährigen Sohn sprach, und wechselte schlagartig das Thema auf die neuen Umhänge, die James zu Weihnachten bekommen hatte.

 

* * *

 

„Ich hätte nicht gedacht, dass kleine Kätzchen so hässlich sein könnten.“

„Ach, halt die Klappe, Anna!“, fuhr Naomi ihre Mitschülerin an und sammelte das kleine, orange Katzenbaby vom Boden des Schlafsaals auf. Das Tier miaute erschrocken als es viel zu schnell in die Höhe gerissen und viel zu fest an Naomis Brust gedrückt wurde. Lily war sich nicht sicher, um wen sie sich mehr Sorgen machen sollte: um ihre verstört wirkende Freundin oder das Kätzchen, das ihrer schier panischen Fürsorge ausgeliefert war.

Naomi gehörte zu den wenigen Schülern, die nördlich von Hogwarts lebten, und daher nicht mit dem Hogwartsexpress sondern mit der Schotwitch-Bahn in die Schule kamen. Daher war es für Lily normal, ihre Freundin erst in der Schule wiederzusehen, doch dann war Naomi nicht beim Abendessen gewesen. Als Lily mit den anderen Gryffindor-Mädchen in den Schlafsaal kam, fand sie Naomi auf dem Boden sitzend und gedankenverloren das kleine Katzenbaby streichelnd. Die drei anderen waren eklig wie immer, doch Naomi redete ebenfalls nicht mit Lily, und so langsam bekam Lily Angst. Sie wartete bis sich ihre drei schwatzenden Mitschülerinnen kollektiv ins Badezimmer verzogen, ehe sie zu Naomi ans Bett trat und vorsichtig an den Bettpfosten klopfte.

„Ich bin's, Lily“, flüsterte sie durch die zugezogenen Vorhänge. Einen Augenblick geschah nichts, dann zog Naomi den Vorhang einen Spalt breit zur Seite. Lily verstand es als Einladung und krabbelte auf Naomis Bett. Das Kätzchen hatte sich, der anhaltenden Liebkosungen müde, auf dem Kissen zusammengerollt und schlief. Lily fuhr ihm vorsichtig mit dem Finger durchs getigerte Fell.

„Ich finde es süß“, sagte sie um das Schweigen zu brechen.

„Er heißt Krumbein“, antwortete Naomi und ihre Stimme klang schwach. „Er hat als einziger überlebt.“

Lily drehte den Kopf so schnell zu Naomi um, dass ihre Halswirbel knackten.

„Was meinst du damit?“, fragte sie erschrocken. In Naomis geröteten Augen standen Tränen.

„Sie haben sie in den Schuppen gesperrt - alle, auch die Babys - und dann haben sie den Schuppen angezündet. Wir haben sie schreien gehört aber die Türen und Fenster waren mit einem Zauber verriegelt. Als Nana die Tür herausgesprengt hat, war es schon zu spät; sie waren alle tot. Nur Krumbeinchen lag allein auf dem Rasen. Er war so tapfer. Da waren so viele Männer in schwarzen Kapuzen und er hockte im Gras und fauchte sie an, als würde er uns verteidigen wollen. Dabei hätten wir doch ...“ Naomis Stimme brach und der Satz ging in ihren Tränen unter. Lily umarmte Naomi, auch ihr standen Tränen in den Augen und sie hasste sich dafür, dass sie nicht darüber nachdachte, wie sie ihrer Freundin helfen konnte. Nein, ihre Gedanken waren bei Severus und Sarina. Sie musste Severus dazu bringen, Sarina die Zeitungsausschnitte zu zeigen, oder, wenn er es schon getan hatte, musste sie die beiden dazu bringen, mit ihr darüber zu reden. Das Lied des Sprechenden Hutes fiel ihr wieder ein, er hatte von einem Sturm gesprochen und Lily musste wissen, ob dieser Sturm schon tobte oder erst aufzog.

 

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