„MAAAAAMAAAA!“
Petunias Stimme ließ Lily hochfahren
und hallte in ihren Ohren wider. Orientierungslos schaute sie sich in
ihrem Zimmer um, sie erkannte es in diesem merkwürdigen orangen
Licht kaum.
Türen wurden aufgerissen und Lily
hörte schnelle Schritte. Stimmen neben an: die ihrer Mutter in einem
beruhigenden Ton, die ihrer Schwester schrill und sich fast
überschlagend.
Langsam kam Lily zu sich. Ihr Fenster
war mit etwas braunem beschmiert, das das Licht dämpfte. Sie schwang
die Beine aus dem Bett und lief ohne Hausschuhe in Petunias Zimmer.
In der Tür blieb sie jedoch wie angewurzelt stehen. Dicker,
schleimiger Matsch bedeckte fast den ganzen Boden des Raumes. Ihre
Mutter störte sich nicht daran, sie kniete im Dreck vor Petunias
Bett und umarmte ihre ältere Tochter, die von Schluchzern
geschüttelt wurde.
„Es ist an der ganzen Wand“,
stellte ihr Vater fest, der am offenen Fenster stand. Eine dunkle
Ahnung stieg in Lily auf. Sie hatte es erst vor wenigen Tagen in
Severus' Zeitungsausschnitten gelesen.
Übergriffe auf Muggelstämmige
nehmen zu.
Lily rannte die Treppe hinunter in den
Vorgarten. Die riesigen Buchstaben zogen sich in zwei Zeilen über
die ganze Fassade.
Schlamblut
bleib hier
Lily zitterte, doch nicht vor Kälte,
obwohl sie mit nackten Füßen im frischen Schnee stand. Es war
Angst, Angst und etwas Wut, nicht viel, doch ausreichend, um nicht zu
weinen. Mr. Evans kam aus dem Haus. Er sagte nichts, hob Lily nur
hoch und wickelte ihre Füße in seine Jacke. Einen Augenblick blieb
er mit Lily auf dem Arm stehen und betrachtete die Schrift.
„Sie haben Schlamm falsch
geschrieben, aber richtig geschrieben wäre unser Haus zu klein
gewesen. War das also jetzt Absicht? Was glaubst du? Wie halten es
Idioten mit der Rechtschreibung?“ Lily musste über die Worte ihres
Vaters schmunzeln, doch ihr Herz klopfte noch immer wie wild.
„Geht da weg, sonst bekommt ihr eine
Matschpackung!“, rief Mrs. Evans mit fröhlicher Stimme aus
Petunias Fenster herunter. Mr. Evans trug Lily zurück ins Haus. Als
sie die Haustür erreichten, landete die erste Schippe Matsch auf dem
weißen Schnee.
„Der Teppichboden ist ruiniert, egal
wie oft wir den schrubben er wird nie wieder sauber und die Bettdecke
ist auch ganz dreckig. Es ist meine Lieblingsbettdecke!“, jammerte
Petunia beim Mittagessen. Mrs. Evans hatte einen Käseauflauf
gemacht, das Lieblingsessen der Familie, um von den Ereignissen des
Vormittags abzulenken. Doch das gelang nur sehr schwer, da die
Buchstaben aus Matsch noch immer an der Fassade klebten. Mr. Evans
hatte versucht, sie mit dem Gartenschlauch abzuspritzen, doch das
hatte nicht geklappt, auch das Scheuern mit Bürsten zeigte keinen
Erfolg.
„Das mit dem Teppichboden ist kein
Problem, mein Schatz. Wir haben eh schon überlegt, dass du zu groß
für die alten Kindermöbel bist und wollten dein Zimmer im Sommer
renovieren, jetzt ziehen wir es eben spontan vor“, erklärte Mrs.
Evans lächelnd.
„Kennen Zauberer eigentlich keinen
Matsch?“, fragte Mr. Evans Lily schelmisch, als er wieder in die
Küche kam. „Ich habe eben im Zaubereiministerium angerufen, sie
schicken eine Truppe Vergissmichs um die Schrift zu beseitigen und
einen Mr. Weasley von der Abteilung gegen den Missbrauch von
Muggelartefakten. Matsch als Muggelartefakt zu bezeichnen wertet ihn
doch etwas zu sehr auf, oder? Es sei denn natürlich, Zauberer kennen
keinen Matsch. Haben die wasserfeste Erde?“ Mr. Evans sprach in
einem Ton, als würde er die Vorstellung einer matschlosen Welt
ernsthaft überdenken und sein breites Grinsen dabei munterte Lily
tatsächlich kurz auf. Dabei hatte sie eigentlich ein schlechtes
Gewissen. Es war kurz vor Weihnachten und Lily hatte so gehofft, dass
es dieses Jahr besser, irgendwie gewöhnter werden würde, und dann
kam so etwas. Vor allem Petunia tat ihr leid, die Matschattacke hatte
nicht ihr gegolten, sie hatte nur Pech, weil sie bei offenem Fenster
schlief. Lily hatte den ganzen Vormittag damit verbracht, Petunias
Teppich zu schrubben, doch das zeigte kaum eine Wirkung, weder auf
den Teppich noch auf Petunia.
„Ihr findet das alles auch noch
lustig!? Ich glaube es nicht! Das ist doch alles so schrecklich und
an allem ist nur diese Missgeburt schuld!“, schrie Petunia und
sprang vom Tisch auf.
„Petunia!“, rügte sie Mrs. Evans.
„Was denn? Willst du wirklich sagen,
das wäre normal? Wie viele Häuser in der Straße sind noch mit
Schlamm beschmiert? Und zu erzählen, dass es ein dummer Scherz wäre,
weil Mum aus Irland käme, ist auch eine ganz alltägliche Lüge,
was? Wobei, ja, es ist eine alltägliche Lüge, aber nur, weil wir
nur noch lügen, seitdem sie auf diese Schule geht! Ich gehe in euer
Schlafzimmer fernsehen, in meines kann ich ja nicht.“ Wütend zog
Petunia ab und Lily fühlte sich schlechter als vorher.
„Ich rede mit ihr“, erklärte Mrs.
Evans und stand ebenfalls auf. „Es ist nicht deine Schuld, Schatz.
Das kann auch Familien passieren, die keine Hexen haben, und die
können dann keine Vergissmichs zur Hilfe rufen“, versuchte Mrs.
Evans Lily zu trösten, als sie an ihr vorbeiging, um Petunia zu
folgen.
„Haben Sie das ... Hallo! Sie! Ich
rede mit ihnen. Ich bin Mr. Weasley von der Abteilung gegen den
Missbrauch von Muggelartefakten, Sie müssen mit mir reden. Bleiben
sie zumindest stehen!“
Lily hatte das Fenster im Wohnzimmer
leicht geöffnet, um zu hören, was die Männer im Vorgarten machten.
Als erstes hatten sie Schutzschilde aufgebaut, damit die Muggel sie
nicht sahen, und dann hatten sie einen merkwürdigen Zauber
durchgeführt, der wohl dazu führen sollte, dass die Menschen, die
die Schmiererei bereits gesehen hatten, sich nicht mehr daran
erinnern konnten, an welchem Haus das war. Dann war der Rothaarige
gekommen, ein großer, schlaksiger, junger Mann mit buschigem, rotem
Haar und einer dicken Hornbrille auf der Nase. Er schien sich sehr zu
bemühen, autoritär zu sein, doch die Vergissmichs nahmen ihn nicht
gerade ernst. Jetzt hatte er endlich einen dazu gebracht, überhaupt
einmal mit ihm zu reden.
„Haben Sie das M aus Schlamm bereits
entfernt, oder war das schon so? Ich hatte Ihnen übermitteln lassen,
dass Sie nichts anfassen dürfen, bevor ich hier bin!“ Hinter dem
rothaarigen hob ein anderer Vergissmich den Zauberstab und es gab
einen hellen Blitz.
„NEIN!“, rief der Rothaarige
erschrocken. „Machen Sie das wieder rückgängig, ich muss das noch
abbilden!“ Er hob eine riesige Kamera, die er um den Hals gehängt
hatte, hoch, doch der Vergissmich zuckte nur mit den Schultern und
ging. Auch der Rothaarige verschwand aus Lilys Blickfeld, doch dann
hörte sie die Tür aufgehen und die Stimme des Mannes im Flur.
„Arrogantes Pack, halten sich für
etwas besseres. Sie denken nur daran, Schäden zu beseitigen, solche
Vorfälle zu verhindern ist ihnen egal.“
„Kann ich ihnen einen Kaffee bringen,
Mr. Weasley?“, fragte Mrs. Evans. Die Tür zum Wohnzimmer wurde
geöffnet und Lilys Vater führte den rothaarigen Mr. Weasley herein.
„Oh, du bist sicher die kleine Hexe“,
stellte Mr. Weasley lächelnd fest und trat mit ausgestreckter Hand
und breit lächelnd auf Lily zu. Lily sprang von der Fensterbank und
reichte Mr. Weasley mit geradem Rücken artig die Hand.
„Mein Name ist Lily“, stellte sie
sich höflich vor und konnte nicht unterdrücken, leicht zu knicksen.
„Ich bin Arthur, ich werde die Leute
finden, die das gemacht haben, du brauchst also keine Angst zu haben.
Was ist den dein Lieblingsfach in Hogwarts?“
„Zaubertränke“, antwortete Lily
eifrig.
„Immer noch beim Moppelchen
Slughorn?“, fragte Mr. Weasley und schmunzelte verstohlen. Lily
nickte und musste auch lächeln.
„Schenk ihm kandierte Ananas, dann
bekommst du nur noch Os“, flüsterte er mit vorgehaltener Hand und
einem schelmischen Zwinkern.
„Also, wie war das mit dem M?“,
wandte sich Mr. Weasley wieder an Lilys Vater. „War da nur eines
oder zwei? Ich weiß, es klingt banal, aber oft führen die
unwichtigsten Hinweise zu einer Verhaftung. Neulich habe ich eine
alte Dame vermahnen können, weil mir aufgefallen ist, dass an ihrem
Silberbesteck die ganz kleinen Löffelchen fehlten, wissen sie? Die
für die ganz kleinen Tassen. Solche sind nämlich kurz zuvor bei
einem Muggel aufgetaucht und haben den Kaffee immer süß gemacht,
auch wenn man keinen Zucker reingetan hat.“ Mr. Evans erklärte Mr.
Weasley, dass das Wort falschgeschrieben war und dann auch, dass man
den Matsch aus Petunias Zimmer durchaus entfernen konnte, nur der von
der Fassade nicht weg ging. Als Mrs. Evans den Kaffee hereinbrachte
erklang aus dem ersten Stock Petunias schrille Stimme.
„NEIN! Sie kommen hier nicht rein!“
Mr. Evans und Mr. Weasley liefen die
Treppe herauf, Lily traute ich nicht, ihnen zu folgen, sie blieb an
dem Geländerpfosten im Erdgeschoss stehen und umarmte das runde
Holz.
„Das ist mein Zimmer, sie sollen da
weggehen!“
„Petunia, Liebling, sie wollen doch
nur den Teppich wieder sauber machen, das wolltest du doch.“
„Nicht auf diese Art! Ihr habt mir
versprochen, dass wir mein ganzes Zimmer renovieren, da brauche ich
kein Rumgefuchtel mit diesen komischen Stäben! Wer weiß, was danach
mit meinem Teppich passiert, vielleicht wachsen da Tentakel raus oder
sowas.“
Lily standen Tränen in den Augen, sie
schlüpfte in die Schuhe, schnappte sich ihre Jacke und lief aus dem
Haus. Sie konnte das nicht mehr hören, in zwei Tagen war Heiligabend
und sie wünschte sich nichts mehr, als weg zu sein.
* * *
Severus hasste es, Briefe von seinem
Großvater zu bekommen. Sie spiegelten all das wider, was Severus an
ihm verabscheute. Ohne Anrede, ohne Unterschrift, kurz, im
Befehlston. Er hexte die Worte aufs Papier, selbst für eine Feder
war er sich zu fein, oder vielleicht war ihm sein Enkel die Mühe nur
nicht wert.
Du wirst über die Weihnachtsferien
heimkommen.
Gedankenverloren fuhr er sich über
den Schorf an der linken Hand. Als er den Brief bei seiner Ankunft
hatte zerknüllen wollen, hatte ihn der Uhu seines Großvaters
gebissen. Dieser Mann war so gemein, dass die Gemeinheit aus ihm
überquoll und sich auf alles ergoss, was ihn umgab. Auf die
Eulen, die Hauselfen, selbst die Hunde. Severus hatte Hunde früher
gemocht, doch seitdem er jeden Augenblick im Haus seines Großvaters
darauf achten musste, nicht von einem der drei Windhunde angefallen
zu werden, mochte er Tiere allgemein nicht mehr. Sie waren dumme
Kreaturen, die treu doch blind der Gesinnung ihrer Herren folgten.
Ein bitteres Lächeln huschte über seine Lippen: Die Hunde
waren eigentlich ein gutes Vorbild: gehorsam, unterwürfig doch
nicht wehrlos, zumindest nicht ganz und wer weiß, vielleicht
war auch in ihnen noch ein Funken Stolz und Verstand, der nur darauf
wartete, im richtigen Moment in die Hand ihres Herren zu beißen.
Als er seine Sachen gepackt hatte und in den Zug gestiegen war, um
nach Hause zu fahren, war sich Severus nicht sicher gewesen, ob er
diesen Funken noch hatte.
„Fettiger ging's nicht, oder?“
Severus zuckte zusammen. Alice war in sein Zimmer gehuscht, ohne dass
er es bemerkt hatte. Mit einem kleinen Rucken des Kopfes ließ
er sich mehrere Haarsträhnen ins Gesicht fallen, bevor er
antwortete: „Ich bin hier, ich habe diesen dämlichen Umhang an
und ich werde gleich auf eine langweilige Weihnachtsfeier von
arroganten Zauberern gehen reicht das nicht?“
„Duschen ist aber ab und zu auch
nett.“ Auf Alice' Gesicht erschien etwas herausforderndes.
„Du wirst es nicht glauben, Kröte,
ich habe geduscht, aber ich sehe nicht ein, wieso ich das auch noch
zur Schau tragen sollte.“
Alice prustete los.
„Du solltest nicht hier sein“,
kommentierte Severus trocken und drehte sich wieder zum Fenster um,
vor dem winzige Schneeflocken tanzten.
„Ich bin ein kleines neugieriges
Mädchen, es ist immer wahrscheinlich, dass ich da bin, egal wo
ich bin. Außerdem habe ich für den Fall der Fälle
sogar einen Beweis für deine Gemeinheit.“ Alice schob den
Ärmel ihres rosa Umhanges hoch und präsentierte einen
großen blau-violetten Bluterguss.
„Ist der echt?“, fragte Severus
vorsichtig. Alice' breites Lächeln beantwortete die Frage vor
ihren Worten.
„Natürlich nicht. Würde
wahrscheinlich horrend weh tun. Das ist die Blaue-Flecken-Farbe, die
ich von Kingsley habe. Deine Freunde haben echt tolle Sachen drauf.“
„Es sind nicht meine Freunde“,
erwiderte Severus und bemerkte zu spät, dass Alice ihn
nachäffte.
„Du solltest auch runter zu den
Gästen deines Großvaters gehen, wenn du schon da bist,
sonst war es sinnfrei, her zu kommen.“
Alisya war nicht gekommen. Severus war
sich nicht sicher, ob sie keinen Befehlsbrief bekommen hatte, oder ob
sie sich geweigert hatte. Aber eigentlich war es egal, an ihrer
Stelle wäre Severus auch nicht gekommen. Sie hatte eine gute
Arbeit, eine eigene Wohnung und sie war eine voll ausgebildete,
hervorragende Hexe, sie war frei. Severus schmunzelte, er hätte
nie gedacht, dass er je so positiv von seiner Schwester denken würde.
„Was grinst du so, Schniefelus. Hast
du eine Schabe zum Frühstück entdeckt?“
Drei Zauber schossen Severus in den
Kopf, die er Sirius in diesem Moment an den Hals gehext hätte.
Doch es waren dummerweise Ferien. Er kochte innerlich, die Ruhe, mit
der er Potters Sprüchen in der Schule begegnet war, erschien ihm
wie graue Theorie. Severus' Hand glitt in die Umhangtasche und seine
Finger tasteten die kleinen Dinge durch, bis er eine kleine, weiche
Blase fand.
„Nein, Black“, antwortete er so
ruhig wie möglich, „wir hier sind keine solchen Gourmets wie
du, wir haben nur Lamm. Aber wenn du heute Abend hungrig heimkommen
solltes, bin ich mir sicher, dass dir deine Mutter noch eine Portion
Schaben machen wird.“
Während er redete, trat er langsam
näher und ließ die Blase über Sirius' Umhang
zerplatzen. Sirius holte theatralisch Luft, um zu einer Erwiderung
anzusetzen, da bemerkte er den Qualm.
Severus drehte sich um und schlenderte
davon, während Sirius zum Getränketisch rannte um seinen
schwelenden Umhang mit einem Glas Wasser zu löschen.
„Vorsicht!“, rief jemand und etwas
in der Stimme ließ Severus einen Schritt zur Seite treten.
Neben ihm zerbarst eine Kristallschale mit Punsch.
Die eben noch pulsierende Wut in
Severus war verschwunden, als er, ohne sich zu bewegen, die Szene vor
sich beobachtete.
Eine Hauselfe war aus dem Nichts
aufgetaucht und die Schale flog vom Boden in ihre dürren
Ärmchen, als hätte jemand die Welt zurückgespult. Mit
der heilen und gefüllten Schale auf dem Kopf verschwand die Elfe
wieder. Die stämmige Mrs. Black stampfte in einem silbernen
Kleid heran und ergiff Sirius am Arm, um ihn wegzuzerren, während
Sirius einem Jungen, der ihm sehr ähnlich sah, wütend: „Du
mieser Kriecher!“, zurief. Sekunden später war Sirius
verschwunden, Mrs. Black unterhielt sich wieder mit einer alten Frau
und alle anderen Gäste taten so, als wäre nichts geschehen.
Nur der Junge, der Severus gewarnt hatte, stand noch immer mitten im
Raum und starrte ins Nichts.
„Danke“, sagte Severus und trat zu
ihm, graue Augen funkelten ihn böse an.
„Es ging nicht um dich!“, zischte
der Junge und stampfte davon.
„Spannend“, flüsterte Alice,
„nur schade, dass die Elfe Sirius gedeckt hat. Ich hätte gerne
gesehen, was Potter ohne seinen Schoßhund machen würde.“
Severus konnte nicht leugnen, dass
Sirius' Rauswurf aus Hogwarts eine interessante Vorstellung war, doch
eigentlich fand er das Verhalten des anderen Jungen interessanter.
* * *
„Mum, du hättest doch echt nicht
mitkommen müssen.“ James versuchte seinen Unmut hinter Sorge zu
verbergen. Seit einigen Wochen ging es seiner Mutter nicht besonders
gut. Doch die Heiler meinten, es wäre nichts ernstes und so nutzte
James ihre Krankheit, um möglichst viel allein unternehmen zu
können.
Und nach den Ferien hatte er auch mit
dem Hogwartsexpress fahren wollen, um offener mit Remus und Sirius
reden zu können. Doch als sein Vater vorgeschlagen hatte, sie mit
dem Muggelwagen auf Muggelstraßen nach Hogwarts zu bringen, konnte
er nicht nein sagen.
Leider war seine Mutter auch
mitgekommen und jetzt überlegte James, ob die Fahrt es wert gewesen
war, dass sie ihn auf dem Vorplatz der Schule vor all den ankommenden
Schülern betüddelte. Sie schob ihm gerade den rot-goldenen Schal,
den er zu Weihnachten bekommen hatte, zurecht, als James einen
allgemeinen Aufruhr nutzte, um sich aus ihren Händen zu winden. Eine
lange, schwarze Kutsche landete von zwei schwarzen, geflügelten
Pferden gezogen auf dem Zufahrtsweg und ließ den Kies hochspritzen.
Ein Kobold saß auf dem Kutschbock und bremste die Pferde scharf ab,
als die Kutsche auf den Vorplatz rollte. Auf der Tür war ein
silbernes Wappen: ein blätterloser Baum, dessen lange Wurzeln sich
um einen Stein in der Form der britischen Insel schlossen.
Der Kobold sprang von der Kutsche und
öffnete die Tür mit einer tiefen Verbeugung.
James beobachtete erstaunt wie Regulus,
Sirius kleiner Bruder ausstieg und einem staunenden Erstklässler
einen finsteren Blick zuwarf.
Ihm folgte ein lachender Lucius Malfoy der ein
kleines schwarzhaariges Mädchen aus der Kutsche hob und dann seiner
blonden Freundin die Hand reichte, um auch ihr über die schmalen
Kutschenstufen zu helfen.
„Die Kutsche hat sich Mephistopheles
zu seiner Wahl zum Obersten Senator gegönnt“, informierte Mrs.
Potter ihren Mann, während sie sich bei ihm einhakte.
„Und dass sie hier ist, ist wohl die
Belohnung für den Sieg in den Sudeten. Lucius hat die Russen auf den
letzten Besenlängen abgehängt, als keiner mehr an einen
Hogwartssieg geglaubt hatte.“ James achtete kaum auf die
Unterhaltung seiner Eltern, er beobachtete Lucius, der dem
schwarzhaarigen Mädchen das Haar zerzauste und sich mit einem
Handkuß von seiner Freundin verabschiedete, um genau auf die Potters
zuzukommen.
„Hallo, James! Einen wunderschönen
guten Morgen, Mr. Potter.“ Lucius schlug die Hacken leicht
aneinander und verbeugte sich förmlich, dann zog er seinen Umhang
mit der rechten Hand nach hinten und streckte Mrs. Potter die linke
mit der Handfläche nach oben entgegen. Mrs. Potter lächelte
geschmeichelt und legte ihre Finger in seine Hand die er leicht
umschloss und sich herunterbeugte, um ihre Knöchel kurz mit der
Stirn zu berühren.
„Es ist immer wieder eine Freude,
junge Männer kennenzulernen die noch so gute Manieren haben“,
lobte Mrs. Potter herzlich. Lucius nickte zurückhaltend, doch
zustimmend.
„Trotz aller Offenheit sollten
Zauberer ihre eigenen Sitten und Manieren pflegen, sonst geht das,
was uns ausmacht, unwiederbringlich verloren“, erklärte er und
verbeugte sich erneut. Dann wandte er sich wieder an Mr. Potter.
„Ist das der MK2-Jaguar, Mr. Potter?“
Alamdus Potter trat zur Seite um Lucius einen besseren Blick auf den
Wagen zu geben.
„Du kennst dich gut aus, der letzte
mit der vollständigen magischen Anpassung. An dem Tag als ich ihn
aus der Werkstatt holte wurde das Gesetz gegen die Manipulation von
Muggelartefakten eingeführt.“
„Ein wundervolles Exemplar, Sir.
James ist sicher ganz wild darauf, ihn mal zu fahren.“ Lucius
lächelte bei den letzten Worten schelmisch.
„Sicher!“, lachte Mr. Potter und
zerzauste James die ohnehin schon unordentlichen Haare. „Aber bis
dahin wird er sich noch eine ganz schöne Weile gedulden müssen.“
Lucius lächelte James an und zog die
Schulter hoch. „Tut mir leid James, ich habe mein Möglichstes
getan.“ Dann verbeugte er sich erneut vor James' Eltern und
verabschiedete sich mit den Worten: „Es hat mich sehr gefreut, Sie
persönlich kennenzulernen. Ich wünsche Ihnen eine gute Heimfahrt.“
Inzwischen hatte der Kobold die Koffer aus der Kutsche ausgeladen und
zu den beiden Mädchen waren Lucius' übliche Freunde hinzugetreten.
Er begrüßte sie mit Handschlag und schickte Rodolphus und einen
zweiten bulligen Jungen los, die Koffer ins Schloss zu bringen,
während die Kutsche für ihre Größe erstaunlich eng wendete und
abhob.
„Ein sehr netter Junge“, stellte
Mr. Potter fest und lud die Koffer aus. „Genauso wie James ihn
beschrieben hat.“
„Ja. Es ist unvorstellbar, wie diese
Nescire glauben konnten, dass er es gewesen war.“ James horchte auf
und drehte sich zu seinem Vater um.
„Was war denn mit den Nescires, Dad?“
Alamdus Potter schüttelte den Kopf.
„Nichts von Belang, James. Es gab
einen Vorfall drüben in den Highlands, ein paar Muggelhäuser wurden
demoliert und beim Haus der Nescire-Familie gab es ein Feuer. Das
Wirtschaftsgebäude ist abgebrannt und die Katzen der Familie waren
wohl drin. Die alte Tabuga Nescire hat behauptet, man wolle sie
erpressen. Sie solle irgend so einem Voldetot oder Voldemort oder so,
die Zukunft voraussagen und deswegen habe Lucius ihre Katzen getötet.
Alles Humbug. Der Schuppen hatte einen Tag nach Lucius' Sieg in den
Sudeten gebrannt, welcher junge Mann würde am Tag nach seinem großen
Sieg nach Schottland reisen um eine alte Frau zu erschrecken, wenn er
mit seinem Team und halb England feiern kann?“
„Außerdem passt so etwas nicht zu
einem Malfoy. Die Nescires machen seit Jahrhunderten nur Ärger,
diese angebliche Wahrsagerei und ihre Kontakte nach Afrika. Die
Muggel in ihrem Dorf halten sie für Hexen. Wenn man sich nicht
unauffällig benehmen kann, muss man damit rechnen, dass etwas
brennt“, ergänzte Mrs. Potter, wurde sich jedoch plötzlich
bewusst, dass sie mit ihrem zwölfjährigen Sohn sprach, und
wechselte schlagartig das Thema auf die neuen Umhänge, die James zu
Weihnachten bekommen hatte.
* * *
„Ich hätte nicht gedacht, dass
kleine Kätzchen so hässlich sein könnten.“
„Ach, halt die Klappe, Anna!“, fuhr
Naomi ihre Mitschülerin an und sammelte das kleine, orange
Katzenbaby vom Boden des Schlafsaals auf. Das Tier miaute erschrocken
als es viel zu schnell in die Höhe gerissen und viel zu fest an
Naomis Brust gedrückt wurde. Lily war sich nicht sicher, um wen sie
sich mehr Sorgen machen sollte: um ihre verstört wirkende Freundin
oder das Kätzchen, das ihrer schier panischen Fürsorge ausgeliefert
war.
Naomi gehörte zu den wenigen Schülern,
die nördlich von Hogwarts lebten, und daher nicht mit dem
Hogwartsexpress sondern mit der Schotwitch-Bahn in die Schule kamen.
Daher war es für Lily normal, ihre Freundin erst in der Schule
wiederzusehen, doch dann war Naomi nicht beim Abendessen gewesen. Als
Lily mit den anderen Gryffindor-Mädchen in den Schlafsaal kam, fand
sie Naomi auf dem Boden sitzend und gedankenverloren das kleine
Katzenbaby streichelnd. Die drei anderen waren eklig wie immer, doch
Naomi redete ebenfalls nicht mit Lily, und so langsam bekam Lily
Angst. Sie wartete bis sich ihre drei schwatzenden Mitschülerinnen
kollektiv ins Badezimmer verzogen, ehe sie zu Naomi ans Bett trat und
vorsichtig an den Bettpfosten klopfte.
„Ich bin's, Lily“, flüsterte sie
durch die zugezogenen Vorhänge. Einen Augenblick geschah nichts,
dann zog Naomi den Vorhang einen Spalt breit zur Seite. Lily verstand
es als Einladung und krabbelte auf Naomis Bett. Das Kätzchen hatte
sich, der anhaltenden Liebkosungen müde, auf dem Kissen
zusammengerollt und schlief. Lily fuhr ihm vorsichtig mit dem Finger
durchs getigerte Fell.
„Ich finde es süß“, sagte sie um
das Schweigen zu brechen.
„Er heißt Krumbein“, antwortete
Naomi und ihre Stimme klang schwach. „Er hat als einziger
überlebt.“
Lily drehte den Kopf so schnell zu
Naomi um, dass ihre Halswirbel knackten.
„Was meinst du damit?“, fragte sie
erschrocken. In Naomis geröteten Augen standen Tränen.
„Sie haben sie in den Schuppen
gesperrt - alle, auch die Babys - und dann haben sie den Schuppen
angezündet. Wir haben sie schreien gehört aber die Türen und
Fenster waren mit einem Zauber verriegelt. Als Nana die Tür
herausgesprengt hat, war es schon zu spät; sie waren alle tot. Nur
Krumbeinchen lag allein auf dem Rasen. Er war so tapfer. Da waren so
viele Männer in schwarzen Kapuzen und er hockte im Gras und fauchte
sie an, als würde er uns verteidigen wollen. Dabei hätten wir doch
...“ Naomis Stimme brach und der Satz ging in ihren Tränen unter.
Lily umarmte Naomi, auch ihr standen Tränen in den Augen und sie
hasste sich dafür, dass sie nicht darüber nachdachte, wie sie ihrer
Freundin helfen konnte. Nein, ihre Gedanken waren bei Severus und
Sarina. Sie musste Severus dazu bringen, Sarina die
Zeitungsausschnitte zu zeigen, oder, wenn er es schon getan hatte,
musste sie die beiden dazu bringen, mit ihr darüber zu reden. Das
Lied des Sprechenden Hutes fiel ihr wieder ein, er hatte von einem
Sturm gesprochen und Lily musste wissen, ob dieser Sturm schon tobte
oder erst aufzog.